
Inklusive Beschulung
Inklusion bedeutet im schulischen Kontext, dass Kinder mit Behinderung gemeinsam mit Kindern ohne Behinderung die Regelschule besuchen. Zuvor muss das Schulamt einen „sonderpädagogischen Bildungsanspruch“ für das einzelne Kind auf Grundlage eines Gutachtens feststellen, so dass es den Anspruch auf die Unterstützung durch eine Sonderschullehrkraft an der Regelschule bekommt.
An der MGS gibt es in jeder Klassenstufe Kinder mit dem Förderbedarf „Sprache“, die mit einigen Stunden von Frau Egeler, Lehrerin am Sprachheilzentrum Calw, unterstützt werden. Ziel ist es, diesen Kindern so zu helfen, dass ihre sprachlichen Beeinträchtigungen keine Barriere für ihr schulisches Lernen mehr darstellen. Konkret heißt das, dass die Kinder in Absprache mit der Klassenlehrkraft mehr Wiederholungen, Übungen, individuelle Erklärungen und zum Teil auch gezieltere Vorbereitungen auf Klassenarbeiten (z.B. Besprechung des Wortschatzes, Klärung der Aufgabenstellungen) erhalten. Dazu gibt es extra Förderstunden, oder die Kinder werden während des Unterrichts zum Lernen in Kleingruppen oder zur Einzelförderung aus der Klasse herausgenommen. Manchmal findet die Unterstützung auch direkt im Klassenunterricht statt.
Darüber hinaus profitieren diese Kinder aufgrund ihrer häufig vorhandenen auditiven Speicherschwäche im gesamten Schulalltag von einer klaren Lehrersprache und Visualisierungen (z.B. durch den Einsatz von Lautgebärden beim Schriftspracherwerb). Deshalb gehört zum Aufgabenbereich der Sonderschullehrkräfte auch die Beratung der Lehrkräfte der Regelschule.
Auch für Kinder ohne Förderbedarf ist die Inklusion gewinnbringend. Zum einen können gelegentlich zwei Lehrkräfte in diesen Klasse sein oder einzelne Kinder können bei Bedarf mit in eine Förderstunde mit der Kleingruppe kommen. Zum anderen erleben die Kinder aber auch, dass es normal ist, Schwächen, aber auch Stärken zu haben.
Wie kann so ein Arbeitstag in der Inklusion nun konkret aussehen?
Frau Egeler berichtet (alle Schülernamen sind frei erfunden):
In der 1. Stunde kommen Max und Ben aus der 1. Klasse in mein Förderzimmer. Die Klasse hat erst zur 2. Stunde Unterricht, so dass wir Zeit für eine extra Förderstunde haben. Ich habe verschiedene Leseaufgaben vorbereitet, aus denen sie auswählen dürfen. Danach üben wir das Schreiben von einzelnen Wörtern. Die beiden dürfen an der Tafel schreiben, was für sie motivierend ist. Wenn ich die Wörter deutlich und langsam vorspreche, hören sie die Laute schon ganz gut heraus und können die Wörter schreiben. Sie sind stolz auf diese Erfolgserlebnisse. Anschließend üben wir das Sprechen von Sätzen mit Präpositionen. Kleine Tierfiguren verstecken sich auf, neben, unter, vor, hinter oder in einer Box. Abwechselnd verstecken und raten wir die Positionen und üben dabei, die Sätze zu sprechen. Zu diesem Thema habe ich auch ein Kartenspiel, bei dem solche Sätze nochmals geübt werden können. Zum Schluss der Stunde dürfen sich Max und Ben noch ein Spiel aussuchen. Sie wählen „Eiermatsch“. Bei diesem Spiel muss man abwechselnd möglichst schnell Begriffe zu einem Thema nennen, z.B. „Sachen, die es in der Küche gibt“. Auch in einer solchen spielerischen Form kann ich sprachlich arbeiten und den Wortschatz der Kinder erweitern.
In der 2. Stunde bin ich bei den Drittklässlern. Die Deutschlehrerin bittet mich, für diese Stunde mit in der Klasse zu bleiben, da sie ein neues Thema einführt. Ich setze mich neben Flo, der im Klassenunterricht oft abgelenkt ist. Meine Anwesenheit hilft ihm, sich zu konzentrieren, er ist aufmerksam bei der Einführung des neuen Themas dabei und meldet sich mehrmals. In der anschließenden Arbeitsphase der Kinder gehe ich in der Klasse herum und schaue, wer Unterstützung benötigt. Dabei habe ich meine „Inklusionskinder“ Flo und Mia besonders im Blick, aber manches können sie auch schon ohne mich schaffen.
In der 3. Stunde stehen die 4.-Klässler auf meinem Stundenplan. Morgen werden sie einen Lesetest schreiben. Ich habe mir diesen im Vorfeld genau angeschaut und überlegt, welche Wörter Ela und Tim wegen ihrer Sprachentwicklungsverzögerung nicht kennen. Um diesen Nachteil auszugleichen, rede ich mit ihnen im Förderzimmer über das Thema des Lesetests und erkläre ihnen verschiedene Wörter, oft anhand von Bildern. In der 3. Klasse durften sie einen solchen Lesetest noch bei mir im Förderzimmer schreiben, so dass ich sie auch beim Erlesen des Textes unterstützen konnte. Dies ist inzwischen nicht mehr nötig, und sie werden den Lesetest morgen gemeinsam mit ihrer Klasse schreiben.
Für die 4. Stunde habe ich mit der Klassenlehrerin der 2.-Klässler in unserer gemeinsamen wöchentlichen Besprechung ausgemacht, dass ich zu Beginn mit der ganzen Klasse eine Übung zur Förderung der auditiven Wahrnehmung mache. In diesem Bereich haben viele meiner Inklusionsschüler Schwierigkeiten, aber auch die anderen Kinder profitieren von solchen Übungen. Die Kinder nehmen vier Farbstifte und müssen diese immer wieder in der von mir genannten Reihenfolge vor sich hinlegen. Dabei müssen sie gut zuhören und sich die richtige gehörte Reihenfolge merken. Anschließend gehe ich mit Jim, Ali und Kai ins Förderzimmer. Wir bearbeiten das gleiche Arbeitsblatt zu Verben, das auch die Klasse macht. Durch die Arbeit in der Kleingruppe kann ich jedoch gezielt auf die drei Schüler eingehen und sie können sich mehr aktiv beteiligen als in der großen Klasse.
In der 5. Stunde arbeite ich mit Ray, der in der 1. Klasse ist. Die Klasse hat eine Lesestunde. Ray freut sich sehr, dass er mit mir ins Förderzimmer kommen darf. Er bringt meine Stoffgiraffe mit, die bei ihm zuhause Urlaub machen durfte, und erzählt mir, was sie zusammen erlebt haben. Ray hat noch große Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache, deshalb ist es immer wichtig, gemeinsame Sprechanlässe zu schaffen. Auch wir üben das Lesen, jedoch mit anderem Material als die Klasse. Im Vordergrund steht die Lesetechnik, weshalb wir das schnelle Erlesen einzelner Silben üben, zuerst mit Buchstabenkärtchen, später mit einem Silbengitter. Durch die Einzelsituation ist ein intensives Üben möglich. Da Rays Lehrerin mir im Vorfeld erzählt hatte, dass Ray im Matheunterricht Probleme mit den Begriffen „Vorgänger“ und „Nachfolger“ hatte, bauen wir danach Tierfiguren auf und besprechen handelnd die Wörter „vor“ und „nach“. Zum Schluss möchte ich mit Ray noch einfache Sätze üben. Dazu wählt Ray aus verschiedenen Bildkärtchen immer drei aus, und wir sprechen die entstandenen Sätze (zum Beispiel „Oma trinkt Milch“). Dann müssen wir wieder zurück in die Klasse, damit Ray noch das gemeinsame Abschiedsritual mitmachen kann. Nach einem kurzen Austausch mit der Klassenlehrerin ist mein abwechslungsreicher Schulvormittag für heute beendet.
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